Weshalb die Schweiz keine neuen AKW braucht

Weshalb die Schweiz keine neuen AKW braucht

Die Schweizer Energiepolitik steht vor einer Richtungsentscheidung. Am 19. Juni 2026 hat das Parlament den indirekten Gegenvorschlag zur Initiative «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» definitiv verabschiedet. Damit wird das seit der Energiestrategie 2050 geltende Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke aufgehoben. Noch wird damit kein neues Atomkraftwerk beschlossen, geplant oder finanziert. Künftig könnten entsprechende Projekte jedoch wieder ein Rahmenbewilligungsverfahren durchlaufen. Der Nationalrat stimmte dem Gegenvorschlag mit 106 zu 88 Stimmen bei fünf Enthaltungen zu, der Ständerat mit 28 zu 14 Stimmen bei zwei Enthaltungen.

 

Die politische Botschaft ist eindeutig. Obwohl die Schweiz eigentlich den Ausbau der erneuerbaren Energien, der Stromnetze und der Speicher beschleunigen müsste, wird erneut eine jahrzehntealte Grundsatzdebatte eröffnet. Statt konkrete Versorgungslösungen umzusetzen, soll die Kernspaltung als vermeintliche langfristige Rückversicherung wieder salonfähig gemacht werden.

Für die GLP Wallis greift diese Strategie zu kurz. Versorgungssicherheit entsteht nicht dadurch, dass eine Technologie gesetzlich wieder zugelassen wird. Entscheidend ist, welche Anlagen rechtzeitig gebaut, verlässlich finanziert und in ein flexibles Stromsystem integriert werden können.

 

Acht von zehn Walliser Bundesparlamentariern stimmten dafür

Die Rückkehr zur Atomkraftoption wurde auch von einer deutlichen Mehrheit der Walliser Bundesparlamentarier unterstützt. Acht der zehn Walliser Mitglieder der Bundesversammlung stimmten dem Gegenvorschlag zu.

Im Nationalrat unterstützten Jean-Luc Addor und Michael Graber von der SVP, Philippe Nantermod von der FDP sowie Philipp Matthias Bregy, Benjamin Roduit und Sidney Kamerzin von der Mitte die Vorlage. Im Ständerat stimmten Beat Rieder und Marianne Maret, beide Mitte, ebenfalls dafür. Dagegen votierten Christophe Clivaz von den Grünen und Emmanuel Amoos von der SP.

Die geschlossenste Unterstützung kam damit von der Walliser Mitte, der SVP und der FDP. Persönlich ausführlicher begründet wurde die Zustimmung vor allem von Beat Rieder, Sidney Kamerzin und Benjamin Roduit.

Rieder warnte vor einer energiepolitischen Sackgasse. Die Schweiz und Deutschland hätten sich mit ihrem Atomausstieg international weitgehend isoliert, während der Ausbau erneuerbarer Anlagen zu langsam vorankomme und zahlreiche Projekte blockiert würden.

Kamerzin stellte die geplante Abschaltung von Beznau ungefähr ab 2033 und der später folgenden Anlagen Gösgen und Leibstadt dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 gegenüber. Fragen zu Finanzierung, Sicherheit und Entsorgung sollten aus seiner Sicht beurteilt werden, sobald ein konkretes Projekt vorliege.

Roduit argumentierte ebenfalls, angesichts möglicher technologischer Entwicklungen müsse die Tür zur Kernenergie wieder geöffnet werden. Gleichzeitig betonte er, daraus dürfe weder ein finanzieller Blankoscheck für den Staat noch eine Bremse für den Ausbau der erneuerbaren Energien entstehen.

Genau hier liegt jedoch der zentrale Widerspruch. Ein neues Kernkraftwerk lässt sich nicht unabhängig von seiner Finanzierung beurteilen. Wer die Technologie politisch wieder zulässt, schafft Erwartungen, Planungsprozesse und mögliche staatliche Verpflichtungen. Die Frage, wer das wirtschaftliche Risiko trägt, kann deshalb nicht beliebig auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

 

«Technologieoffenheit» ersetzt keine Kostenrechnung

Die Befürworter des Gegenvorschlags sprechen von Technologieoffenheit. Das Parlament entscheide heute noch nicht über den Bau eines Kraftwerks, sondern schaffe lediglich die Möglichkeit, spätere Projekte zu prüfen.

Diese Argumentation klingt pragmatisch, blendet aber die realen Rahmenbedingungen aus. Neue Kernkraftwerke sind keine normale Investition, die ein privates Unternehmen allein aufgrund erwarteter Marktpreise tätigt. Sie benötigen enorme Anfangsinvestitionen, sehr lange Planungs- und Bauzeiten sowie eine Finanzierung, deren Risiken weit in die Zukunft reichen.

Untersuchungen und Studien der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts kommt zum Schluss, dass neue Kernkraftwerke unter heutigen Finanzierungsbedingungen in der Schweiz kaum wettbewerbsfähig wären. 

Bei Baukosten von rund 12’000 Franken pro Kilowatt, wie sie bei jüngeren Projekten in Europa und den USA beobachtet wurden, wären neue Anlagen selbst mit Unterstützung in drei von vier untersuchten Modellen wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig.

Zur Einordung: Um die Baukosten mit einem Strompreis von rund 10 Rp./kWh zu amortisieren, wäre eine Laufzeit von mind. 60 Jahren und eine gängige Betriebslast von knapp 90 % erforderlich. 

Ein Reaktor mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt würde bei 8’000 Franken pro Kilowatt bereits rund 9,6 Milliarden Franken kosten. Bei 12’000 Franken wären es 14,4 Milliarden Franken – noch vor zusätzlichen Finanzierungskosten, möglichen Verzögerungen sowie den Verpflichtungen für Rückbau und Entsorgung.

Weil bei einem Kernkraftwerk ein Grossteil der Kosten lange vor der ersten produzierten Kilowattstunde anfällt, ist der Kapitalzins entscheidend. Jede Verzögerung verlängert die Phase, in der Milliarden investiert sind, ohne dass Einnahmen entstehen. Kostenüberschreitungen und steigende Zinsen schlagen sich damit direkt im späteren Strompreis nieder.

Internationale Vergleiche bestätigen diese Problematik. Lazard beziffert die Stromgestehungskosten neuer Kernkraftwerke auf ungefähr 141 bis 220 Franken pro Megawattstunde. Grosse Photovoltaikanlagen liegen demgegenüber bei rund 38 bis 78 Franken, Windkraftanlagen an Land bei 37 bis 86 Franken und Photovoltaik in Kombination mit Batteriespeichern bei 50 bis 131 Franken pro Megawattstunde.

Natürlich produzieren diese Technologien nicht zu jeder Zeit dieselbe Strommenge. Der Preisvergleich darf deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Er zeigt aber, wie viel Spielraum für Speicher, Netze, flexible Nachfrage und Reservekapazitäten vorhanden ist, bevor ein neues Kernkraftwerk wirtschaftlich konkurrenzfähig wird.

 

Wer trägt das finanzielle Risiko?

Neue Atomkraftwerke wären in der Schweiz voraussichtlich kaum rein privat finanzierbar. Investoren müssten über Jahrzehnte darauf vertrauen können, dass sie ihre Kosten unabhängig von künftigen Marktpreisen, technologischen Veränderungen und politischen Entscheidungen zurückerhalten.

In der Praxis wären deshalb wahrscheinlich staatliche Garantien, garantierte Abnahmepreise, Differenzverträge oder andere Absicherungen notwendig. Das wirtschaftliche Risiko würde damit zumindest teilweise auf die Allgemeinheit übertragen.

Bei einem garantierten Strompreis tragen die Stromkundinnen und Stromkunden das Risiko, wenn der Marktpreis unter die zugesicherte Vergütung fällt. Bei Staatsgarantien oder direkten Beteiligungen haften letztlich die Steuerzahlenden für Mehrkosten und Verzögerungen. Auch eine staatliche Übernahme der Zins-, Haftungs- oder Entsorgungsrisiken wäre eine Subvention – selbst wenn sie nicht unmittelbar auf der Stromrechnung erscheint.

Der Grundsatz «Wir öffnen nur die Tür und entscheiden später» ist daher unvollständig. Bereits die politische Rückkehr zur Kernenergie wirft die Frage auf, ob der Staat künftig Milliardenrisiken absichern soll, die private Investoren nicht übernehmen wollen.

Technologieoffenheit darf nicht bedeuten, dass wirtschaftlich riskante Grossprojekte politisch bevorzugt und ihre Risiken sozialisiert werden.

 

Was bedeutet «Bandenergie» überhaupt?

Ein zentrales Argument für neue Kernkraftwerke ist die sogenannte Bandenergie. Gemeint ist eine über längere Zeit möglichst gleichmässig gelieferte Strommenge.

Atomkraftwerke eignen sich grundsätzlich für eine solche kontinuierliche Produktion. Ein Reaktor kann über Monate mit hoher Leistung Strom erzeugen. Daraus wird häufig abgeleitet, dass ein sicheres Stromsystem zwingend grosse Kraftwerke brauche, die rund um die Uhr dieselbe Leistung bereitstellen.

Doch Bandenergie ist nicht dasselbe wie Versorgungssicherheit.

Fällt ein grosser Reaktor unerwartet aus, fehlen innerhalb kurzer Zeit mehrere Hundert oder mehr als tausend Megawatt. Das Stromsystem muss diese Leistung unmittelbar ersetzen können. Ein grosses zentrales Kraftwerk liefert zwar kontinuierlich Strom, schafft gleichzeitig aber ein erhebliches Einzelrisiko.

Bei vielen dezentralen Anlagen verteilt sich dieses Risiko. Der Ausfall einer einzelnen Photovoltaik-, Wind- oder Wasserkraftanlage hat kaum Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Dafür schwankt die gemeinsame Produktion stärker mit Tageszeit, Wetter und Jahreszeit.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob ein einzelnes Kraftwerk jederzeit dieselbe Leistung erzeugt. Entscheidend ist, ob das gesamte Stromsystem Nachfrageänderungen, Wetterwechsel, Kraftwerksausfälle und Netzstörungen jederzeit ausgleichen kann.

Die Internationale Energieagentur bezeichnet diese Fähigkeit als Systemflexibilität. Sie muss auf unterschiedlichen Zeitskalen funktionieren: innerhalb von Sekunden zur Stabilisierung der Netzfrequenz, über Stunden zur Verschiebung von Solarstrom in den Abend, über Tage bei Wetterwechseln und saisonal für kritische Winterperioden.

Ein modernes Stromsystem braucht deshalb nicht zwingend «Bandenergie» aus einem einzelnen Kraftwerk. Es braucht eine verlässliche Kombination aus Produktion, Speichern, Netzen, steuerbarem Verbrauch und strategischen Reserven.

 

Bestehende AKW sind nicht dasselbe wie neue AKW

Die Schweiz deckt gegenwärtig rund 28 Prozent ihrer Stromproduktion mit Kernenergie. Die bestehenden Kraftwerke leisten damit einen realen Beitrag zur Versorgung. Sie produzieren grosse Mengen CO₂-armen Stroms und reduzieren insbesondere im Winter den Bedarf an Importen und zusätzlichen Reserven.

Solange die bestehenden Anlagen nachweislich sicher betrieben werden können, können sie als Übergangstechnologie weiter zur Stromversorgung beitragen. Daraus folgt jedoch nicht, dass neue Kernkraftwerke technisch oder wirtschaftlich zwingend notwendig wären.

Zwischen dem Weiterbetrieb eines bereits gebauten und weitgehend abgeschriebenen Kraftwerks und dem Neubau einer Anlage besteht ein fundamentaler Unterschied. Bei bestehenden Anlagen sind die grossen Bauinvestitionen bereits getätigt. Bei neuen Reaktoren müssten Milliarden Franken neu beschafft, verzinst und über Jahrzehnte refinanziert werden.

Die Frage lautet deshalb nicht «Atomstrom oder kein Strom», sondern: Welche Kombination von Investitionen schafft zu welchem Zeitpunkt die grösste Versorgungssicherheit?

Neue Kernkraftwerke würden frühestens in Jahrzehnten Strom liefern. Photovoltaikanlagen, Speicher, Netzverstärkungen, Effizienzmassnahmen und Optimierungen der Wasserkraft können hingegen fortlaufend und schrittweise umgesetzt werden. Sie beginnen lange vor der möglichen Inbetriebnahme eines neuen Reaktors zu wirken.

 

Kühlung wird im Klimawandel zur Standortfrage

Kernkraftwerke produzieren grosse Mengen Abwärme. Diese muss kontinuierlich abgeführt werden. Deshalb sind auch Atomkraftwerke von Wasserverfügbarkeit und Umgebungstemperaturen abhängig.

In der Schweiz unterscheiden sich die Anlagen technisch. Beznau wird direkt mit Wasser aus der Aare gekühlt. Gösgen und Leibstadt verwenden Kühltürme, benötigen aber ebenfalls Wasser und sind von klimatischen Bedingungen nicht vollständig unabhängig.

Für Beznau gelten klare Umweltvorgaben. Wenn die Aare eine Temperatur von 25 Grad erreicht oder zu überschreiten droht, muss die Leistung reduziert oder die Anlage abgeschaltet werden. Dadurch soll verhindert werden, dass zusätzlich eingeleitete Wärme das Gewässer und seine Ökosysteme übermässig belastet.

Das Risiko ist nicht theoretisch. Im Sommer 2025 wurde die Leistung von Beznau wegen hoher Aaretemperaturen reduziert. Im Juni 2026 wurden beide Reaktorblöcke vom Netz genommen, nachdem die Aare 25 Grad erreicht hatte.

Auch Frankreich musste während der Hitzewelle im Sommer 2026 die Leistung mehrerer Reaktoren reduzieren. Ein Reaktor in Golfech wurde zeitweise vollständig abgeschaltet. Gleichzeitig gingen die französischen Stromexporte deutlich zurück.

Solche Abschaltungen sind bei bestehenden Anlagen in erster Linie ein Produktions- und Umweltproblem und nicht automatisch ein akutes Sicherheitsproblem. Für den Neubau eines Kraftwerks wären sie jedoch ein zentrales Standort- und Wirtschaftlichkeitsrisiko.

Gerade in Hitzeperioden können der Strombedarf und der Bedarf an Kühlung gleichzeitig steigen. Wenn Kraftwerke dann ihre Produktion reduzieren müssen, steht weniger Leistung zur Verfügung, obwohl sie besonders benötigt wird.

Technisch wären Trocken- oder Hybridkühlungen möglich. Sie benötigen weniger Wasser, sind aber teurer, beanspruchen zusätzliche Flächen und können die Effizienz des Kraftwerks verringern. Auch dieses Risiko müsste in die Kostenrechnung eines neuen Projekts einbezogen werden.

 

Ein Ausfall verursacht sofort hohe Ersatzkosten

Die beiden Reaktorblöcke von Beznau verfügen zusammen über eine Leistung von ungefähr 730 Megawatt. Bei einem vollständigen Produktionsausfall fehlen rechnerisch rund 17,5 Gigawattstunden Strom pro Tag.

Bei einem Marktwert von 100 Franken pro Megawattstunde entspricht dies einer entgangenen Produktion von ungefähr 1,75 Millionen Franken täglich. Bei 200 Franken pro Megawattstunde wären es rund 3,5 Millionen Franken.

Diese Berechnung stellt keine pauschale Rechnung für das Wiederanfahren dar. Die effektiven Kosten hängen von Marktpreisen, Ersatzbeschaffung, Betriebsabläufen und der Dauer der Abschaltung ab. Sie verdeutlicht jedoch das finanzielle Gewicht eines zentralen Produktionsausfalls.

Dezentrale Anlagen weisen andere Risiken auf. Solar- und Windstrom sind wetterabhängig, doch ihr Produktionsausfall verteilt sich über viele Standorte und Anlagen. Ein einzelner technischer Defekt reisst deshalb kein vergleichbares Loch in die Versorgung.

Versorgungssicherheit muss beide Risikotypen berücksichtigen. Sogleich die Schwankungen erneuerbarer Energien ebenso wie den plötzlichen Ausfall grosser zentraler Kraftwerke.

 

Das ungelöste Langzeitproblem des Atommülls

Im Normalbetrieb ist die Strahlenbelastung durch Schweizer Kernkraftwerke für die Bevölkerung sehr gering. Das Hauptrisiko liegt bei schweren Störfällen, Naturereignissen, Sabotage oder menschlichem Versagen.

Hohe Strahlendosen können akute Gesundheitsschäden verursachen. Niedrigere Dosen erhöhen langfristig das Krebsrisiko. Auch wenn schwere Unfälle sehr selten sind, können ihre Auswirkungen aussergewöhnlich gross und langfristig sein.

Das politisch und ethisch grösste Langzeitproblem bleibt jedoch der radioaktive Abfall. Hochradioaktive Stoffe verschwinden nicht mit der Abschaltung eines Reaktors. Sie müssen über sehr lange Zeiträume sicher von Mensch und Umwelt getrennt werden.

Die Schweiz plant ein geologisches Tiefenlager. Ein endgültig bewilligtes und betriebsbereites Lager besteht jedoch noch nicht.

Neue Kernkraftwerke würden zusätzliche hochradioaktive Abfälle produzieren und die Anforderungen an Lagerung, Überwachung, Transport, Rückbau und Finanzierung weiter erhöhen.

Damit entsteht ein Generationenvertrag, dem künftige Generationen nicht zustimmen können: Wir nutzen den Strom heute, während andere über Jahrzehnte, Jahrhunderte und teilweise noch länger Verantwortung für die Hinterlassenschaften übernehmen müssen.

Fonds für Rückbau und Entsorgung sind notwendig, beseitigen das Risiko jedoch nicht. Kosten können unterschätzt werden, technische Anforderungen können sich verändern und politische oder geologische Annahmen müssen möglicherweise neu beurteilt werden.

Wer neue Kernkraftwerke fordert, muss deshalb nicht nur sagen, wie viel Strom sie produzieren sollen. Er muss ebenso beantworten, wo der zusätzliche Abfall gelagert wird, wer langfristig haftet und wer für Mehrkosten aufkommt.

 

Generation IV: interessante Forschung, aber keine kurzfristige Lösung

Unter dem Begriff «Generation IV» werden verschiedene neue Reaktorkonzepte zusammengefasst. Dazu gehören gasgekühlte schnelle Reaktoren, bleigekühlte und natriumgekühlte schnelle Reaktoren, Salzschmelzereaktoren, überkritische wassergekühlte Reaktoren und sehr hohe Temperaturreaktoren.

Diese Konzepte versprechen eine bessere Nutzung des Brennstoffs, höhere passive Sicherheit, weniger langlebige Abfälle oder die Bereitstellung industrieller Prozesswärme.

Das Potenzial solcher Technologien soll weiter erforscht und international beobachtet werden. Forschung ist jedoch nicht mit Marktreife gleichzusetzen. Viele der Konzepte sind technisch komplex, regulatorisch noch nicht etabliert und kommerziell nicht in grossem Massstab erprobt.

Für die Versorgung der Schweiz während der kommenden zehn bis zwanzig Jahre sind Generation-IV-Reaktoren daher keine belastbare Grundlage. Eine Energiepolitik, die mit möglicherweise später verfügbaren Technologien argumentiert, darf den Ausbau heute einsetzbarer Lösungen nicht verzögern.

 

Auch Minireaktoren müssen ihre Versprechen erst beweisen

Kleine modulare Reaktoren, sogenannte Small Modular Reactors oder SMR, sollen im Vergleich zu klassischen Grossreaktoren kleinere Einheiten und eine stärker standardisierte Fertigung ermöglichen.

Theoretisch könnten sie geringere Anfangsinvestitionen pro Anlage erfordern, schrittweise ausgebaut und für industrielle Prozesswärme eingesetzt werden. Die Internationale Energieagentur rechnet mit ersten kommerziellen Projekten ungefähr ab 2030, weist jedoch gleichzeitig auf grosse Unsicherheiten bei Finanzierung, Zulassung, Serienfertigung und Kosten hin.

Kleinere Reaktoren lösen die grundlegenden Fragen der Kernenergie nicht automatisch. Auch sie benötigen Sicherheitszonen, Bewachung, qualifiziertes Personal, Notfallplanung, Brennstoffversorgung sowie Lösungen für Rückbau und radioaktive Abfälle.

Mehrere kleine Standorte könnten sogar zusätzliche Anforderungen an Sicherung, Aufsicht und Infrastruktur verursachen. Zudem muss die behauptete Kostenreduktion durch industrielle Serienfertigung erst erreicht werden. Ohne eine grosse Zahl identischer Bestellungen entstehen die erwarteten Skaleneffekte nicht.

Für die Schweiz bleiben deshalb entscheidende Fragen offen: Wer würde solche Anlagen finanzieren? Wo würden sie gebaut? Wie werden Haftung und Entsorgung geregelt? Und wären sie rechtzeitig günstiger und verlässlicher verfügbar als erneuerbare Produktion, Speicher, Netze und Effizienz?

Bis heute ist dieser Nachweis nicht erbracht.

 

Wie die Schweiz ohne neue AKW jederzeit Strom bereitstellen kann

Versorgungssicherheit ohne neue Kernkraftwerke ist möglich, aber nicht automatisch garantiert. Sie verlangt einen konsequenten Ausbau, eine aktive Systemplanung und klare politische Rahmenbedingungen.

Die Vorstellung, erneuerbare Energien könnten ohne zusätzliche Infrastruktur jederzeit problemlos genügend Strom liefern, wäre ebenso unseriös wie die Behauptung, nur Atomkraft könne die Versorgung sichern.

Die Energieperspektiven 2050+ des Bundes zeigen einen Weg, auf dem die Schweizer Stromproduktion langfristig praktisch vollständig durch Wasserkraft und andere erneuerbare Energien gedeckt werden kann. Dafür müssen jedoch mehrere Elemente zusammenspielen.

Wasser- und Pumpspeicherkraft

Die Schweizer Speicherseen und Pumpspeicherwerke sind ein zentraler strategischer Vorteil. Sie können innerhalb kurzer Zeit ihre Leistung erhöhen, Stromüberschüsse aufnehmen und Energie während kritischer Stunden oder Tage bereitstellen.

Gerade das Wallis verfügt über eine herausragende Wasser- und Speicherinfrastruktur. Sie kann eine Schlüsselrolle beim Ausgleich von Solar- und Windstrom sowie bei der Bereitstellung von Winterenergie übernehmen.

Die Wasservorräte sind allerdings nicht unbegrenzt. Nach einem trockenen Sommer oder gegen Ende eines kalten Winters müssen sie sorgfältig bewirtschaftet werden. Deshalb braucht es klare Reservekonzepte und wirtschaftliche Anreize, Wasser nicht ausschliesslich nach kurzfristigen Marktpreisen einzusetzen.

Unterschiedliche erneuerbare Produktionsprofile

Solarenergie produziert vor allem tagsüber und im Sommer. Alpine Photovoltaik weist einen höheren Winteranteil auf und kann wegen der Höhenlage, der tieferen Temperaturen und der Schneereflexion gerade in der kalten Jahreszeit wertvollen Strom liefern.

Windkraft produziert häufig stärker im Winter und teilweise nachts. Laufwasserkraft, Biomasse, Kehrichtverbrennung, Abwasseranlagen und Wärmekraftkopplung ergänzen diese wetterabhängigen Quellen.

Je breiter die Produktion technologisch und geografisch verteilt ist, desto geringer wird die Gefahr gleichzeitiger Ausfälle. Eine einseitige Konzentration auf Photovoltaik wäre nicht ausreichend. Entscheidend ist ein ausgewogener Mix.

Batterien und Kurzzeitspeicher

Batterien können Schwankungen von Sekunden bis zu mehreren Stunden ausgleichen. Sie eignen sich zur Stabilisierung der Netzfrequenz, zur Aufnahme von Solarspitzen und zur Verschiebung von Strom vom Mittag in den Abend.

Sie sind jedoch nicht die wirtschaftlich bevorzugte Lösung, um mehrere dunkle Winterwochen vollständig zu überbrücken. Dafür braucht es andere Speicherformen, flexible Kraftwerke, Reserven und den europäischen Austausch.

Flexibler Stromverbrauch

Nicht jeder Stromverbrauch muss zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden. Elektroautos, Wärmepumpen, Boiler, Kühlanlagen, industrielle Prozesse und Pumpspeicher können ihren Verbrauch teilweise verschieben.

Digitale Steuerungen ermöglichen es, Geräte bevorzugt dann zu betreiben, wenn viel Strom verfügbar ist. Der Komfort muss dadurch kaum eingeschränkt werden. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an zusätzlichen Kraftwerken, die nur für einzelne Spitzenstunden bereitstehen müssten.

Diese Flexibilität sollte künftig angemessen vergütet werden. Wer das Stromsystem entlastet, muss auch wirtschaftlich davon profitieren.

Leistungsfähige Netze und europäischer Austausch

Wetterlagen unterscheiden sich zwischen der Nordsee, den Alpen, Frankreich, Südeuropa und Skandinavien. Ein leistungsfähiges europäisches Stromnetz kann diese Unterschiede ausgleichen.

Die Schweiz ist geografisch und technisch eng in das europäische Verbundnetz eingebunden. Diese Zusammenarbeit erhöht die Versorgungssicherheit. Gleichzeitig darf die Schweiz nicht davon ausgehen, während einer europaweiten Mangellage unbegrenzt Strom importieren zu können.

Deshalb braucht es sowohl eine verlässliche internationale Einbindung als auch genügend inländische Produktion, Speicher und Reserven.

Strategische Reserven für Extremlagen

Für mehrtägige Dunkelflauten, unerwartete Kraftwerksausfälle oder besonders kalte und trockene Winter braucht es zusätzliche Absicherungen.

Denkbar sind Wasserreserven in Speicherseen, mit Biogas oder erneuerbaren Brennstoffen betriebene Wärmekraftkopplungsanlagen, später Wasserstoff- oder erneuerbare Gaskraftwerke sowie vertraglich vereinbarte Verbrauchsreduktionen für seltene Notlagen.

Solche Anlagen müssen nicht während des ganzen Jahres Strom produzieren. Sie funktionieren wie eine Versicherung. Ihre einzelne Betriebsstunde kann teuer sein, doch sie werden nur dann eingesetzt, wenn sie tatsächlich benötigt werden.

Diese Reservekosten müssen mit den enormen Finanzierungskosten eines Kernkraftwerks verglichen werden, das über Jahrzehnte refinanziert werden muss – unabhängig davon, wie sich der Strommarkt und andere Technologien entwickeln.

 

Das Wallis hat bessere Investitionsmöglichkeiten

Für das Wallis stellt sich die Frage besonders konkret. Soll öffentliches und privates Kapital in weit entfernte Grossprojekte mit langen Bauzeiten und erheblichen Finanzierungsrisiken gelenkt werden? Oder investieren wir in eine Energieinfrastruktur, die unmittelbar Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit im Kanton schafft?

Das Wallis verfügt über grosse Dach-, Fassaden- und Infrastrukturflächen für Photovoltaik. Alpine Anlagen können zusätzlichen Winterstrom liefern. Die bestehende Wasserkraft kann modernisiert und flexibler eingesetzt werden. Pumpspeicher, Batteriespeicher und lokale Energiegemeinschaften können Produktion und Verbrauch besser verbinden.

Effiziente Gebäude, Wärmepumpen, intelligente Ladestationen und steuerbare industrielle Prozesse reduzieren den Bedarf an teurer Spitzenproduktion. Gleichzeitig müssen die Verteil- und Übertragungsnetze verstärkt und digitalisiert werden.

Diese Investitionen können schrittweise umgesetzt werden. Sie verteilen die Risiken, stärken lokale Unternehmen und schaffen einen direkten Nutzen für Gemeinden, Haushalte und Betriebe.

Ein neues Kernkraftwerk wäre dagegen ein zentralistisches Milliardenprojekt mit langer Vorlaufzeit, grossem Kapitalbedarf und einer erheblichen Abhängigkeit von staatlichen Garantien.

 

Versorgungssicherheit braucht Umsetzung statt Symbolpolitik

Die Sorgen um die Stromversorgung sind ernst zu nehmen. Elektrifizierung, Wärmepumpen, Elektromobilität, Digitalisierung und neue industrielle Anwendungen werden den Strombedarf erhöhen. Gleichzeitig werden die bestehenden Kernkraftwerke nicht unbegrenzt weiterlaufen.

Darauf mit einer blossen Aufhebung des Neubauverbots zu reagieren, schafft jedoch noch keine einzige zusätzliche Kilowattstunde. Es werden dadurch weder neue Leitungen gebaut noch Solaranlagen installiert, Speicherseen gefüllt oder Gebäude saniert.

Neue Kernkraftwerke sind keine schnelle Antwort. Bis ein konkretes Projekt geplant, finanziert, bewilligt und gebaut wäre, würden voraussichtlich Jahrzehnte vergehen. Die entscheidenden Weichen für die Versorgung der 2030er- und 2040er-Jahre müssen dagegen heute gestellt werden.

Die GLP Wallis anerkennt den Beitrag der bestehenden Kernkraftwerke. Solange sie sicher betrieben werden können, leisten sie während des Übergangs einen wichtigen Beitrag zur CO₂-armen Stromversorgung.

Daraus darf jedoch keine falsche Schlussfolgerung gezogen werden. Neue Kernkraftwerke sind keine physikalische Voraussetzung für Versorgungssicherheit. Sie sind eine politische und wirtschaftliche Option unter mehreren – mit besonders hohen Kosten-, Finanzierungs-, Kühlungs-, Entsorgungs- und Haftungsrisiken.

 

Die GLP unterstützt das Referendum

Deshalb unterstützt die GLP das Referendum gegen den indirekten Gegenvorschlag zur Initiative «Blackout stoppen». Unter dem Titel der Versorgungssicherheit wird das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufgehoben, ohne dass geklärt wäre, wie ein neues Kraftwerk finanziert werden soll, wer die Kostenrisiken übernimmt und wie zusätzlicher radioaktiver Abfall entsorgt wird.

Die Schweiz braucht keine Rückkehr zu teuren, zentralistischen Risikotechnologien. Sie braucht eine verlässliche Energiepolitik, die auf realisierbare Lösungen setzt: erneuerbare Produktion, Wasser- und Pumpspeicherkraft, Batterien, Netzausbau, flexible Nachfrage, Effizienz und strategische Reserven.

Versorgungssicherheit ohne neue AKW ist anspruchsvoll. Sie verlangt schnellere Bewilligungsverfahren, Investitionssicherheit, eine bessere europäische Einbindung und den politischen Willen, Projekte tatsächlich umzusetzen. Doch sie ist technisch möglich und wirtschaftlich vernünftiger, als Milliardenrisiken auf kommende Generationen zu übertragen.

Für uns ist klar; Die Energiezukunft entsteht nicht durch nostalgische Atomdebatten. Sie entsteht auf unseren Dächern, an unseren Infrastrukturen, in den Speicherseen, in intelligenten Netzen und in effizienten Gebäuden.

Investieren wir dort, wo die Lösungen bereitstehen, wo sie rasch Wirkung entfalten und wo die Wertschöpfung im Wallis bleibt. So verbinden wir Versorgungssicherheit mit Klimaschutz, Innovation und einer verantwortungsvollen Finanzpolitik.